Mikroexpressionen erkennen – Die geheime Sprache der Emotionen entschlüsseln und effektiver kommunizieren

 
 
 

In diesem Interview tauchen wir tief in die faszinierende Welt der Mikroexpressionen ein. Tamara Golliez erklärt, wie das Erkennen dieser winzigen, oft unbewussten Gesichtsausdrücke uns dabei helfen kann, authentischer zu kommunizieren und Missverständnisse zu vermeiden. Melissa Veronika Lobert bringt dabei ihre Skepsis zum Ausdruck – doch schnell wird klar, dass das Lesen von Emotionen im Gesicht ein wertvolles Werkzeug sein kann, um Empathie zu zeigen und zwischenmenschliche Beziehungen zu stärken.

Über Melissa Veronika Lobert

Melissa ist eine erfahrene systemische Familienberaterin, Stressmanagementtrainerin und Autorin. Sie bietet in ihrer Beratungsstelle MeLo umfassende Unterstützung in den Bereichen systemische Beratung, Stressbewältigung und Burnout-Prävention. Mit ihrem breiten Hintergrund in Sozialer Arbeit und systemischer Beratung kombiniert sie humorvolle und kreative Ansätze, um Menschen aus ihrer Komfortzone zu holen und sie bei der Aktivierung ihrer Ressourcen zu unterstützen. Zudem ist sie bundesweit als Dozentin und Speakerin tätig.


Melissa Veronika Lobert: Boa, ich finde es ja irgendwie gruselig, wenn Menschen in meinem Gesicht ablesen können, was ich fühle, bevor ich selbst verstanden habe, was ich fühle – also gefühlt habe, was ich fühle und verstanden, manchmal ist der Übersetzungsweg recht lang 😅.

Und dennoch ist es eine Form der Kommunikation, der unbedingt Beachtung geschenkt werden sollte.

M: Weshalb eigentlich, Tamara? Und was genau ist das eigentlich, was du da machst?

Tamara Golliez: Mikroexpressionen erkennen können, hilft auch, die Diskrepanz zwischen dem Gesagten und dem Gefühlten zu sehen. In der Mimik-Resonanz lerne ich genau dies zu sehen. Stell Dir mal vor, Du erklärst einem Mitarbeiter, dass er neu noch die Aufgabe X zu erledigen hat. Dann fragst Du: „Ist das ok für Dich?“

Die Antwort ist ein „Ja“, doch wenn Du die Mikroexpression erkennst, siehst Du, dass ganz kurz eine Angstexpression gezeigt hat. Dann kannst Du das Gespräch weiterführen und sagen „ich kann mir vorstellen, dass diese neue Aufgabe eine Herausforderung sein kann, zusätzlich zum normalen Pensum, doch ich bin sicher, dass Du das schaffst und wenn irgendwelche Unsicherheiten auftauchen, kannst Du ja jederzeit auf mich zukommen und nachfragen.“

So gibst Du dem Teammitglied ein Zeichen, dass Fragen erwünscht und ok sind und dass Du Vertrauen in seine Fähigkeiten hast.

Melissa Veronika Lobert: Also ist es ein weiteres Mittel, um empathisch zu sein und präventiv, individuell auf andere Menschen zu agieren.

Tamara Golliez: Genau, und weißt Du, liebe Melissa, Emotionen können wir nicht steuern. Sie sind in der Mimik erkennbar. Die meisten von uns realisieren das gar nicht, denn die sogenannten Mikroexpressionen dauern oft nur 150 m/sec.

Melissa Veronika Lobert: Das ist schon eine Zahleinheit, von der ich noch nie etwas gehört habe.

Tamara Golliez: 150msec …. 150 tausendstel Sekunden. Solche Mimikexpressionen sind für ein geübtes Auge erkennbar … doch alles, was darunter liegt, ist ja auch unheimlich schnell, ein Bruchteil einer Sekunde … dafür sind unsere Augen nicht trainiert und meistens konzentrieren wir uns ja nicht nur auf die Mimik.
Auch in einem sogenannten Pokerface existieren diese Mikroexpressionen.

Melissa Veronika Lobert: Ja, die Spezialisten aus der Krimiwelt, wie heißen denn die noch einmal genau? Die können auch anhand von genauen Beobachtungen in Befragungen „ablesen“, was das Gegenüber gerade fühlt, ob es lügt, unsicher ist, Angst hat oder überrascht ist.

Tamara Golliez: Genau, doch viele der dort gezeigten Muster sind reine Fantasie. Wenn jemand sich am Ohr kratzt, dann heißt das evtl. bloß, dass es da juckt und nicht, dass er lügt.

Melissa Veronika Lobert: Finde ich gut, denn auch dort gibt es auch weitere „Bilder“, die verbreitet werden, die keinen kausalen Zusammenhang aufweisen. Jemand kreuzt die Hände vor dem Körper, heißt nicht automatisch Desinteresse, vielleicht ist der Person einfach kalt.

Tamara Golliez: Das ist auch so ein Punkt, wir dürfen nicht interpretieren, nur beobachten. Hände vor der Brust bedeutet, wie Du sagst, evtl. kalt oder Schulterschmerzen oder etwas, was wir nicht wissen. Fakt ist, er hat die Hände vor dem Körper ….

T: Die wichtige Frage ist auch, was ist sein normales „Verhalten“ seine Baseline? Es sind immer mehrere „Zeichen“ nötig, um Vermutungen anstellen zu können.

Melissa Veronika Lobert: Finde ich gut, denn auch dort gibt es auch weitere „Bilder“, die verbreitet werden, die keinen kausalen Zusammenhang aufweisen. Jemand kreuzt die Hände vor dem Körper, heißt nicht automatisch Desinteresse, vielleicht ist der Person einfach kalt.

Tamara Golliez: Genau, spannend wird es, wenn wir lernen, diese zu erkennen. Zeigt das Gegenüber eine kurze Angstexpression, heißt das zuerst einmal nur, dass er diese Situation im Moment als beängstigend wahrnimmt.

M: Und woran erkennt man die kurze Angstexpression?

Tamara Golliez: Eine Angstexpression ist meist begleitet vom Hoch- und Zusammenziehen der Augenbrauen, dem Öffnen der Augen und einem Auseinanderziehen der Lippen. Je nach Stärke der Emotion und Situation kann es auch nur eines dieser Zeichen sein.

Also wirklich nur sehr subtil. Doch auch hier, als Beobachter, das Wieso und den Hintergrund kennen wir nicht. Vielleicht ist es eine Aussage, die bewusst macht, dass das Geld nicht reicht? Eine Angst, dass ich den Auftrag nicht erhalte, oder eine körperliche Angst.

Melissa Veronika Lobert: Das stimmt, die Emotion allein lässt uns ggf. Hypothesen anstellen, aber nicht das Gesamtbild erkennen, das finde ich äußerst wichtig. Es kann hilfreich sein, hat jedoch wie alles andere seine Grenzen, seine Vor- und Nachteile.

M: Wenn wir schon dabei sind, was sind die Vor- und Nachteile des „Emotionsgesichtsablesens“ denn genau?

Tamara Golliez: Vorteile sind einmal, dass ich besser auf mein Gegenüber eingehen kann. Ich kann das Gegenüber beruhigen und abholen, teilweise noch bevor er es selbst bewusst merkt. Wie zum Beispiel mit dem Mitarbeiter und der zusätzlichen Aufgabe.

Melissa Veronika Lobert: Mhm, also ein verbindendes Tool zwischen Menschen.

Tamara Golliez: Ja, verbindend und unterstützend.

T: Negative Aspekte sehe ich jetzt nicht wirklich, denn ich kann ja auch ein Gespräch mit jemandem führen, ohne dass ich das erwähnen muss oder es gar ausblenden?

Melissa Veronika Lobert: Oh, also ich sehe einen Nachteil, denn wenn ich es nutze, um Menschen zu manipulieren, dann wird es gefährlich. Wenn ich die Emotionen ablese, um meine Handlung darauf aufzubauen.

Oder wenn ich es nutze und anspreche, ohne dass sich mein Gegenüber selbst darüber im Klaren ist und damit noch nicht im Reinen ist, kann das unangenehm werden.

Tamara Golliez: Manipulationen, ja natürlich, das darf nicht geschehen. Beim Ansprechen kommt es auch auf die Formulierung an. Ich sage ja nicht „oh, jetzt hast Du Angst“ …, sondern: „Ich habe das Gefühl, etwas macht Dir Sorgen.“

Melissa Veronika Lobert: Auf das Ansprechen und Handeln, wenn ich beispielsweise merke, jemand hat Angst und das mir in die Karten spielen würde und ich diese verstärke, wäre das ziemlich fies. Wobei wie bei jeder „Methode“ oder „Hilfe“ es ist die Person, die dieses positive oder negatives einhaucht. Ich denke, das haben wir damit deutlich gemacht.

Tamara Golliez: Da hast Du natürlich recht. Die Frage ist: Was gilt als Manipulation? Wenn ich spüre, jemand ist unsicher und ich beseitige die möglichen Einwände frühzeitig, ist das Manipulation oder nicht?

Jedes Gespräch, bei dem wir etwas erreichen möchten, könnte man so schon als Manipulation ansehen. Die schöne Auslage in der Bäckerei - Manipulation / die großartigen roten Rosen zuvorderst am Valentinstag …. Manipulation.

Und doch.

Ich glaube, die Vorteile überwiegen, ich bin aufmerksamer meinen eigenen und den Emotionen anderer gegenüber.

M: Gehen wir im weiteren Verlauf mal von Menschen aus, die Mikroexpressionen als verbindendes Tool nutzen, und schauen wir mal genauer hin. Was muss man wissen, um sich als „Nicht Mikroexpression Experte“ ein Bild zu machen? Was hast Du dafür uns?

Tamara Golliez: Da geht es darum, das Auge und die Beobachtung zu öffnen, nichts schon anzunehmen und auch ein wenig auf die Intuition zu achten.
Alle Annahmen, die wir treffen, sind auf unserer Erfahrung basiert und nicht auf der des Gegenübers.

Ein wichtiger Punkt ist unsere eigene Landkarte, unsere Erfahrungen. Die muss außen vor bleiben.

Mikroexpressionen sind im ganzen Gesicht erkennbar.

  • Augenbrauen zusammen- oder hochziehen,

  • Augenlider anspannen,

  • Nase rümpfen,

  • Mundwinkel einpressen und viele mehr.

Das Allerwichtigste ist beobachten, welche Angewohnheiten das Gegenüber hat und dann zuschauen, wenn es um emotionale Themen geht, sowie auch Stress, was sich für Millisekunden verändert.

Melissa Veronika Lobert: Und wahrscheinlich auch den Ausschluss von äußeren Gegebenheiten nicht vergessen?

Tamara Golliez: Ja, es ist immer wichtig, die Situation auch mit einzubeziehen.

T: Die Erfahrung in der Mikroexpression-Erkennung nützt auch nur, wenn ich eine bestimmte „Fragestellung“ habe.

Melissa Veronika Lobert: Du meinst, wenn wir die Mikroexpressionen „studieren“ – also, ich stelle eine Frage und suche dann im Gesicht meines Gegenübers nach … einer Erklärung?

Tamara Golliez: Nicht mal eine Erklärung, ich sehe es mehr als unterstützende Maßnahme.

Zum Beispiel in Mitarbeitergesprächen, wie im Beispiel zu Beginn des Newsletters. Als Chef will ich achtsam sein, wie der Mitarbeiter reagiert, wenn ich ihm neue Aufgaben zuteile.

Oder, wenn ich ein Angebot für jemanden habe, da kann ich Erklärungen und Unwohlsein abfedern und ansprechen, bevor es der Kunde äußert. Ich erkläre und zeige die Vorteile auf, wenn ich merke, der Kunde hat Angst zuzusagen.

M: Hast du noch ein weiteres Beispiel für die Fragestellung?

Tamara Golliez: Ja, wie geht es meinem Gegenüber? Fühlt er sich wohl oder nicht?

Als weiteres Beispiel kann ich erzählen:

Ich sehe ein junges Mädchen, welches ganz ruhig im Bus sitzt. Der Sitznachbar beugt sich in Ihre Richtung und redet mit Händen und Füßen auf die junge Frau ein. Ich habe Ihr angesehen, dass sie Panik in den Augen hatte; sie konnte sich nicht mehr bewegen, noch wehren.

Ich habe sie dann angesprochen und Ihr gesagt, dies sei doch die Station, nach der sie gefragt habe, sie müsse jetzt sicher hier auch aussteigen. So konnte ich sie aus der Lähmung holen und sie ist mit mir zusammen ausgestiegen.

Es war ein verwirrter älterer Herr, der sie so bedrängte, aber sie wusste sich nicht zu wehren. Anschließend nahm sie den nächsten Bus nach Hause.

Oder in einem tollen Restaurant: Als Koch oder Gastgeber interessiert mich dann, ob ihm mein Essen wirklich schmeckt. Oder ob der Gast aus Höflichkeit einfach ja gut und Danke sagt.

M: Was, glaubst du, müssten die Lesenden von Mikroexpressionen noch wissen, um sie zu verstehen oder sie anzuwenden?

Tamara Golliez: Den Menschen muss vor allem bewusst sein, dass wir immer Emotionen zeigen. Wenn ich mich wirklich für das Gegenüber interessiere, sollte ich mehr beobachten und auf den anderen eingehen, anstelle ihn mit Gründen zuzutexten. Mehr zuhören, beobachten und wahrnehmen.

T: Das heißt abschließend ist Mikroexpression zu lesen ein hilfreiches verbindendes Tool, welches „verbindend“ angewendet auch Verbindung schaffen kann.

Tamara Golliez: Wer sich für mehr Informationen interessiert, darf gerne den kostenlosen Vertrauenscall mit mir vereinbaren.


Mikroexpressionen sind nur ein Teil der nonverbalen Kommunikation – sie liefern uns wertvolle Hinweise auf die verborgenen Emotionen unseres Gegenübers. Doch um empathisch und wirklich wirkungsvoll zu kommunizieren, sollten wir auch die Gesamtheit der nonverbalen Signale verstehen.

In diesem Blogartikel ist zu erfahren, wie subtile Signale wahrgenommen und für einen authentischen Austausch genutzt werden können:

Nonverbale Signale erkennen und empathisch wirken